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Das Gefecht der Vögel und der Erdtiere
Um zu
entscheiden, wer den Vorzug unter ihnen habe und zur Verteidigung ihrer Ehre
erklärten die Vögel und Erdtiere einander den Krieg. Sie lieferten sich eine
Schlacht und der Sieg wankte hin und her. Die Fledermaus bildete sich ein, dass
die Vögel überwunden würden und schlug sich deswegen auf die Seite der Erdtiere.
Ihre Vermutung schlug fehl. Die Vögel erhielten einen vollkommenen Sieg und die
in ihrer Erwartung betrogene Fledermaus ward aus der Gesellschaft der Vögel
verstoßen. Sie schämte und betrübte sich hierüber so sehr, dass sie sich seit
dieser Zeit nicht mehr getraut, am hellen Tag auszufliegen und sich nur bei
Nacht sehen lässt.
Es
ist gefährlich, sich auf die Seite einer Partei zu schlagen, wenn man nicht des
Ausganges gewiss ist.

Das Lamm und der Wolf
Der
Wolf, der aus einer Quelle trank, bemerkte ein Lamm, das unten an dieser Quelle
seinen Durst stillte. Er fuhr es zornig an und warf ihm vor, dass es ihm das
Wasser getrübt hätte. Zu seiner Entschuldigung brachte das Lamm vor, dass
es ja unter ihm trinke, und dass die Quelle nicht aufwärts laufen könne.
Nochmehr ergrimmt hierüber sagte der Wolf dem Lamm, dass es vor einem halben
Jahr übel von ihm gesprochen hätte.
„Damals war ich noch nicht geboren", erwiderte das Lamm. -
„Also muss es dein Vater oder deine Mutter gewesen sein", versetzte der Wolf,
fiel dann, ohne andere Ursachen anzuführen, über das Lamm her und verzehrte es
unter dem Vorwande, die böse Gesinnung und den Hass seiner Eltern an ihm zu
bestrafen.
Wenn
böse Menschen die Macht in Händen haben, so fehlt es ihnen nie an einem
Vorwande, diejenigen zu unterdrücken, die in ihrer Gewalt sind.

Das Pferd und der
Löwe
Ein alter Löwe, der nicht mehr mit der vorigen
Geschwindigkeit jagen konnte, bekam Hunger auf ein Pferd, das er auf seinem
Weg antraf. Es kam ihm der Einfall einen Arzt vorzustellen und das Pferd zu
fragen, wie es mit seiner Gesundheit stehe. Das Pferd bemerkte die böse
Absicht des Löwen und antwortete, dass es sich nicht gar wohl befände, weil
es sich einen Dorn in den Fuß getreten, der es sehr schmerzte.
Der Löwe erbot sich sogleich, ihm solchen
heraus zu ziehen. Das Pferd nahm das Anerbieten an und stellte sich in
Positur. Als sich nun der Löwe näherte, um den Dorn heraus zu ziehen,
versetzte ihm das Pferd mit ausgestrecktem Fuß einen derben Schlag auf die
Stirne, ergriff dann die Flucht und ließ den Löwen in einem erbärmlichen
Zustande und voller Verzweiflung, dass ihm sein Streich nicht gelungen war.
Betrüger werden zu ihrer Strafe oft selbst
betrogen.

Der Adler und
die Krähe
Ein Adler wollte gerne eine Auster verzehren,
konnte aber weder durch Gewalt noch durch Geschicklichkeit ein Mittel
finden, sie zu öffnen.
Die Krähe riet ihm, sich hoch in die Luft zu
schwingen und die Auster auf die Steine fallen zu lassen, damit sie
zerbreche. Der Adler folge dem Rat. Die Krähe lauerte unten, um zu sehen,
wie es geschehen würde und da alles glücklich ging, machte sie sich über die
aufgesprungene Auster her und verschlang sie; dem Adler ließ sie bloß die
Schalen zum Lohne seiner Leichtgläubigkeit.
Bist du klug, so glaube nie eigennützigen
Ratschlägen.

Der Adler und die Schildkröte
Eine Schildkröte wünschte von einem Adler das Fliegen zu lernen. Der Adler war
gutmütig und verwehrte ihr den Wunsch, doch je mehr er der Schildkröte beweisen
wollte, dass der Wunsch ihr Schaden zufügen könne, um so mehr bestand sie
darauf.
Um
dem ein Ende zu bereiten, trug der Adler die Schildkröte bis in die Wolken
hinauf und ließ sie herabstürzen. Am Boden angelangt, zerschmetterte sie
und büßte damit für ihre Dummheit.
Trachte nicht nach Dingen, die die Natur dir versagt hat; was die Natur
versagt, kann niemand haben.

Der Affe und der
Fuchs
In einer allgemeinen Versammlung der Tiere
sprang der Affe mit so großer Geschicklichkeit und Leichtigkeit, dass sie
ihn mit dem Beifalle der ganzen Versammlung zu ihrem König wählten.
Der Fuchs, der seine Erhebung mit Neid ansah,
hatte in einem Graben Fleisch wahrgenommen, das unter Netzen verborgen lag.
Er führe den Affen zum dem Rand des Grabens, sagte, er habe einen Schatz
angetroffen, den sich der König nach den Gesetzen zueignen müsste: Er hieß
ihn also geschwind sich dieses Schatzes bemächtigen. Der Affe stieg
unbedachtsam in den Graben und ward im Netze gefangen, das er nicht
wahrnahm. Als er sich gefangen sah, warf er dem Fuchse Treulosigkeit vor.
„Mein
Herr Affe", erwiderte der Fuchs,
„da
du so unvorsichtig bist, wie kannst du die Herrschaft über alle anderen
Tiere verlangen?"
Wer sich nicht selbst beherrschen kann,
soll sich nie zum Herrn über andere aufwerfen.

Der alte Hund und sein
Herr
Ein Jäger, der einen Hirsch verfolgte,
ermahnte seinen Hund, geschwinder zu laufen, doch vom Alter geschwächt hatte
dieser nicht mehr die Leichtigkeit, die ihm in der Jugend eigen war und sein
Herr trieb ihn durch Prügel zum stärkeren Laufen an.
Wegen dieser üblen Behandlung beklagte sich
der Hund bei seinem Herrn. Er stellte ihm vor, dass er ihm in der Jugend
alle mögliche Dienste geleistet und dass es nicht Mangel an Zuneigung,
sondern Abnahme an Kräften sei, wenn er jetzt diese Dienste nicht mehr tun
könne. Zugleich bat er ihn, dass er ihn gelinder behandeln möge, damit die
Welt glaube, dass ein Herr die treuen Dienste nicht vergessen habe, die ihm
sein Hund in der Jugend geleistet hat.
Gute Hilfe wird nur zu bald vergessen.

Der Bauch und
die anderen Glieder
Die Glieder des Körpers fingen einst mit dem
Bauch einen Prozess an und verlangten von ihm, dass er gleich den übrigen
Gliedmaßen arbeite, wenn er ernährt sein wollte. Er stellte ihnen viele Male
vor, dass er Speise bedürfe, aber die Hand schlug sie ihm ab und da ihm die
notwendige Speise entzogen war, so verfiel er bald in große Mattigkeit.
Durch die große Hungersnot, in der sich der
Magen befand, litten auch die übrigen Glieder. Zu spät erkannten sie nun
ihren Irrtum. Die Hand wollte nun dem Magen Speise zuführen: Allein er war
zu sehr geschwächt und konnte sie nicht annehmen. Er ging zugrunde und alle
übrigen Glieder des Körpers starben mit ihm.
Wer dem König die notwendigen Zuwendungen
entzieht, arbeitet an seinem eigenen Untergange.
Oder:
Der Magen isst und nutzt zugleich
Der König isst sein eigen Reich

Der
Bauer und die Schlange
Ein Bauer fand im Schnee eine Schlange, die
vor Kälte ganz erstarrt war. Er trug sie in seine Hütte und legte sie ans
Feuer. Kaum hatte sie sich erwärmt und wieder erholt, so fing sie an ihr
Gift durch die ganze Hütte auszubreiten.
Über einen so schändlichen Undank aufgebracht,
machte ihr der Bauer große Vorwürfe und verband zugleich die Strafe damit.
Er nahm eine Holzaxt und schlug die undankbare Schlange, die ihm Gutes mit
Bösem vergalt und ihrem Wohltäter das Leben rauben wollte, in tausend
Stücke.
So glaubt mancher sich einem Freund
verbunden zu haben und hat bloß eine Schlange genährt.

Der Eber und der
Esel
Ein Esel begegnete von ungefähr einem Eber und
fing an, sich über denselben lustig zu machen und ihn zu verspotten. Vor
Grimm zitternd hatte der Eber anfänglich Lust, ihn in Stücke zu zerreißen.
Aber plötzlich machte er die Betrachtung, dass
ein elender Esel seines Zorns und seiner Rache nicht würdig sei und sagte
daher zu ihm:
„Unglücklicher,
ich würde dich wegen deiner Vermessenheit züchtigen, wenn du der Mühe wert
wärest, aber du mist meiner Rache nicht würdig. Dich schützt deine Dummheit
rettet dir das Leben."
Wer edel denkt, schämt sich an Toren und
Nichtswürdigen Rache zu nehmen.

Der Esel und der Fuchs
Ein Esel und ein Fuchs lebten lange Zeit als Freunde und sie gingen auch
miteinander auf die Jagd. Einmal begegnete ihnen plötzlich ein Löwe und der
Fuchs fürchtete, er könne nicht mehr fliehen. Da sprach er zum Löwen:
„Oh, großmütiger König! Ich weiß, vor dir brauche ich mich nicht zu fürchten.
Wenn ich dir das Fleisch meines dummen Gefährten anbieten kann, so bin ich dir
zu Diensten."
Der Löwe wollte ihn verschonen und der Fuchs geleitete den Esel in eine Falle,
aus der er sich nicht mehr befreien konnte.
Nun ergriff der Löwe den Fuchs mit den Worten: „Der Esel ist mir gewiss,
aber dich zerreiße ich wegen deiner Falschheit zuerst."
Den Verrat benutzt man wohl, aber den Verräter liebt man doch nicht.

Der Frosch und
der Ochse
Der Frosch erblickte eines Tages einen Ochsen,
der eben über eine Wiese ging und der Frosch schmeichelte sich, dass er wohl
eben so groß werden könnte wie dieses Tier. Er wandte also alle Mühe an, die
faltige Haut seines Körpers aufzublähen und fragte seine Gefährten, ob seine
Gestalt anfing, jener des Ochsen ähnlich zu werden.
Sie antworteten mit - nein. Er strengte also
neue Kräfte an, um sich aufzublasen und fragte die Frösche noch einmal, ob
er nun bald der Größe des Ochsen gleich wäre. Sie gaben ihm die vorige
Antwort. Das schreckte den Frosch nicht ab; allein die Gewalt, die er
anwandte, um sich aufzublähen, machte, dass er an der Stelle zerplatzte.
Die Kleinen finden ihr Verderben, wenn sie
den Großen gleich sein wollen.

Der Esel und das
Pferd
Ein kostbar geschmücktes Pferd begegnete einem
armen Esel, der unter seiner schweren Last seufzte. Übermütig durch sein
schönes Geschirr erfüllte das Pferd die Luft mit Wiehern und schrie dem Esel
zu, ihm Platz zu machen. Der von Schrecken überwältigte Esel gehorchte
sogleich.
Nach einiger Zeit begegnete ihm der Esel und
wunderte sich über seine so außerordentliche Veränderung. Was denn aus dem
schönen Zeug, aus seiner rechen Decke und dem vergoldeten Gebiss geworden
sei, das es so stolz und hochmütig machte und es mit Verachtung auf
diejenigen herabsehen ließ, die sich jetzt mit ihm auf keinen Tausch
einlassen würden?
Verachtung ist immer die Strafe der
Hochmütigen, wenn sie zu Fall kommen.

Der Esel und der
Hund
Ein Hund liebkoste seinen Herrn, dieser tat dem Hunde dafür
gütlich und liebkoste ihn wieder. Ein Esel, der im Hause übel gehalten und
geschlagen wurde, ward hierüber eifersüchtig. Er glaubte, dass bloß die
Liebkosungen an den guten Tagen des Hundes Schuld waren. Um also sein Elend
zu erleichtern, nahm er sich vor, seinen Herrn ebenso zu liebkosen, in der
Hoffnung, dann auch so wie der Hund mit guten Speisen gefüttert zu werden.
Einige Tage darauf fand er seinen Herrn im Großvaterstuhl
schlafen; er fing nun seine Liebkosungen an, legte ihm die beiden Vorderfüße
auf die Schulter, ließ seine Eselsstimme erschallen und glaubte so seinem
Herrn durch diese wohlklingenden Töne ein Vergnügen zu machen. Allein der
durch dies Geschrei aufgewachte Herr rief seine Knechte, die den Esel für
seine vermeinten Höflichkeiten und Liebkosungen derb prügelten.
Übel angebrachte Höflichkeiten finden selten eine gute
Aufnahme.

Der Fuchs und der Storch (Online-Übung
Quiz zur Fabel)
Ein Fuchs lud einen Storch zu sich nach Hause ein und setzte ihm die leckersten
Speisen vor, aber nur auf ganz flachen Schüsseln, aus denen der Storch mit
seinem langen Schnabel nichts fressen konnte. Gefräßig wie der Fuchs war, hatte
er das ganze Mahl für sich allein und bat den Storch obendrein, es sich
schmecken zu lassen.
Der Storch fühlte sich betrogen, doch lobte er die gute Bewirtung und lud
seinerseits den Fuchs zu sich ein. Der Fuchs ahnte, dass der Storch sich rächen
wollte und wies die Einladung ab. Doch der Storch drängte ihn freundlich und so
blieb dem Fuchs nichts anderes übrig, als die Einladung anzunehmen.
Am nächsten Tage fand der Fuchs alle möglichen Leckerbissen aufgetischt, aber
nur in Geschirr, das lange Hälse hatte.
„Lass
es dir munden", rief ihm der Storch zu,
„und
fühle dich wie zu Hause." Und er fraß mit seinem Schnabel ebenfalls alles
allein, während der Fuchs ungehalten nur das Äußere des Geschirrs belecken
konnte und außer dem Geruch des Essens nichts davon hatte.
Hungrig stand er vom Tische auf und gestand, dass ihn der Storch für seine
Gemeinheit hinlänglich gestraft habe.
Was du nicht willst, dass man dir tu',
Das füg' auch keinem anderen zu.

Der Fuchs
und die Weintrauben
Ein Fuchs erblickte auf einem hohen Baum mehrere Weintrauben,
die ihm zum Genusse reizten. Er gab sich alle Mühle und versuchte mehrere
Sprünge, aber es war ihm nicht möglich, sie zu erreichen.
Da er nun sah, dass seine Mühle vergebens sei, so verbarg er
seinen Verdruss und sagte im Weggehen: „Ich
will diese Trauben nicht essen, sie sind mir zu grün und allzu sauer."
So wird oft das Verdienst verkleinert, weil wir ihn nicht
erreichen können.

Der Hahn und der Diamant (Der Hahn
und der Edelstein)
Ein Hahn scharrte auf einem Misthaufen und fand einen Diamanten.
Er betrachtete ihn aufmerksam von allen Seiten und sprach: „Was
soll mir dieser Stein nützen? Er hat wohl für einen Juwelier einen schätzbaren
Wert, aber mir wäre ein Weizenkörnchen viel lieber."
Das Nützliche ist dem Schönen
vorzuziehen, besonders, wenn der Wert des Letzteren in der Einbildung besteht.

Der
Hirsch und das Pferd
Ein
Pferd, das Gebiss und Zaum noch nicht kannte, verklagte bei einem Bauern einen
Hirsch, weil er ihm auf seiner Weide das Gras fraß und bat ihn um
Beistand, sich an demselben zu rächen. „Ich will wohl", sagte der Bauer, „doch
unter der Bedingung, dass du in allem nach meinem Willen tust."
Das
Pferd war es zufrieden: Der Bauer legte ihm also einen Sattel auf den Rücken und
ein Gebiss ins Maul. Er setzte sich dann auf das Pferd, verfolgte den Hirsch,
erreichte und erlegte ihn. Das Pferde wieherte vor Freude, als es sich gerächt
sah; der Bauer aber, der nun erkannte, wie nützlich ihm das Pferd in der Folge
wäre, setzte es nicht wieder in Freiheit, sondern spannte es vor seinen Pflug.
Der
Rachgierige wird oft das eigene Opfer seiner Rache.

Der Hirsch und das Schaf
Vor
einem Wolfe verklagte der Hirsch ein Schaf und forderte von diesem ein Scheffel
Getreide wieder, obwohl es ihm doch nichts schuldig war. Gleichwohl verurteilte
es der Wolf, das zu bezahlen, was der Hirsch von ihm forderte. Das Schaf
gelobte, dass es den Spruch erfüllen und zur vorgeschriebenen Zeit bezahlen
wolle.
Als die
Frist verflossen war, erinnerte der Hirsch das Schaf; dies aber protestierte
gegen das Urteil und verweigerte die Zahlung mit dem Zusatz, dass es dieselbe
aus bloßer Furcht vor seinem Feinde, dem Wolfe, versprochen hätte und dass es
daher nicht verpflichtet sei zu bezahlen, was es schuldig war.
Niemand
muss Versprechen halten, die ungerechterweise durch Furcht oder Gewalt
abgezwungen wurden.

Der
Hirsch und der Jäger
Ein
Hirsch, der sich in einem Brunnen spiegelte, ward von der Schönheit seines
Geweihes ganz entzückt; aber seine hageren und dünnen Schenkel gefielen ihm ganz
und gar nicht. Indem er sich so betrachtete, kam unvermutet ein Jäger mit Hunden
und stieß ins Horn. Dis Geräusch trieb den Hirsch in die Flucht und er gewann
auf dem freien Felde durch die Leichtigkeit seiner Schenkel einen großen
Vorsprung vor den Hunden.
Allein
immer stärker vom Jäger verfolgt, verbarg sich der Hirsch in einem Walde, wo er
sich mit seinem Geweih in den Baumästen verwickelte und hängen blieb. Hier
erkannte er seinen Irrtum und sah ein, wie nützlich ihm seine Schenkel waren, um
ihn von seinen Verfolgern zu befreien und wie unglücklich ihn sein Geweih
machte, dessen Schönheit er so sehr bewunderte und das nun die Ursache seines
Todes ist.
Wir
bewundern oft Eigenschaften an uns, die der Weg zu unserem Unglück sind.

Der
Holzhacker und der Wald
Ein
Holzhacker kam in einen Wald und bat ihn um die Erlaubnis, etwas Holz zu einem
Stiel für seine Axt abhauen zu dürfen.
Der
Wald bewilligte es, bald aber hatte er Ursache seine Entscheidung zu bereuen.
Der Holzhacker bediente sich nun seiner Axt, große Äste von den Bäumen abzuhauen
und beraubte so den Wald seiner vornehmsten Zierde. Der gute Wald konnte es
nicht verwehren, denn er hatte dem Holzhauer die Waffe selbst in die Hände
gegeben.
Es
bedienen sich Undankbare oft der empfangenen Wohltaten gegen ihre Wohltäter.

Der Hund und das
Stück Fleisch (Der Hund und sein
Schatten)
Ein
Hund, der auf einem Stege über einen Bach ging, trug in seiner Schnauze ein
Stück Fleisch, das sich beim Sonnenschein im Wasser spiegelte und viel größer
erschien, als es in der Natur war.
Vor
Gier haschte er nach dem, was er da im Wasser sah und da er nach dem Schatten
schnappte, entfiel ihm, was er wirklich im Munde trug. Auf diese Art ward seine
Gefräßigkeit bestraft und er erfuhr zu seinem Schaden, dass es klüger sei, zu
bewahren, was man besitzt, als dem nachzutrachten, was man nicht hat.
Wer
dem Ungewissen nachjagt, verliert of das Gewisse darüber.

Der Hund und der
Dieb
Um zu stehlen, schlich sich des Nachts ein
Dieb heimlich in ein Haus und bot dem Hunde, der es bewachte, Brot an, damit
er ihn vom Bellen abhielt.
Allein dieser getreue Wächter schlug es aus,
und sagte zu ihm: „Niederträchtiger! Ich kenne deine Absicht. Du
willst mich daran hindern zu bellen, damit du meinen Herrn um so freier
bestehlen kannst. Ich werde mich aber vor deiner Bestechung wohl hüten und
dein Geschenk nicht annehmen." Hierauf fing der Hund an so heftig zu bellen,
dass alle Diener des Hauses darüber erwachten und den Dieb verjagten.
Der Hund ist hier das schöne Bild eines
treuen, unbestechlichen Dieners.

Die junge Ziege
und der Wolf
Eine junge Ziege verließ den Stall, um auf die
Weide zu gehen und schärfte ihrem Jungen mit Nachdruck ein, dass es in ihrer
Abwesenheit ja niemandem die Türe öffne. Kaum war sie fort, so klopfte schon
einer Wolf an die Stalltüre; er ahmte die Stimme der Ziege nach und befahl
dem Zieglein, dass es aufmache. Dies Tier dachte an die Lehren seiner
Mutter. Es blickte durch eine Öffnung und erkannte den Wolf. „Ich werde die
Türe nicht öffnen", sagte es, „denn obschon du die Stimme einer Ziege
nachmachst, so sehe ich doch an deiner Gestalt, dass du ein Wolf bist, der
mich nur zu verschlingen sucht."
Wer den weisen Lehren der Eltern folgt,
gerät nicht leicht in Unglück.
Wer überlegt, bevor er handelt, gerät nicht
leicht in Unglück. (neu)

Der kranke Geier
Ein Geier, der sehr krank war, aber doch nicht
alle Hoffnung verlor durch die Kraft der Arzneimittel wieder zu genesen,
beschwor seine Mutter, sie möchte doch hingehen und die Götter bitten, dass
sie ihm die Gesundheit wieder schenken.
„Ach! Mein Sohn", erwiderte sie, „du wirst wohl vergeblich von den Göttern
Hilfe erwarten, da du so oft ihre Altäre und die Opfer entweiht hast, die
ihnen die Menschen brachten."
Wie kann der Hilfe erwarten, der Gott und
die Menschen beleidigt?

Der Löwe auf der Jagd
Ein Löwe, ein Esel und ein Fuchs waren in
Gesellschaft auf die Jagd gegangen. Sie fingen einen Hirsch und viele andere
Tiere. Der Löwe befahl dem Esel, den Raub zu teilen. Dieser machte ganz
gleiche Teile daraus und ließ den anderen die freie Auswahl. Der Löwe
ergrimmte über diese Gleichheit, fiel über den Esel her und zerriss ihn in
Stücke.
Dann wandte er sich dem Fuchse zu und befahl
ihm eine andere Teilung zu machen. Der Fuchs legte nun alles auf die Seite
des Löwen und behielt nur einen sehr kleinen Teil für sich. „Wer
hat dich", fragte der Löwe, „eine
so weise Einteilung machen gelehrt?" - „Das
klägliche Schicksal des Esels", antwortete der Fuchs.
Nur wer lebt, kann sich gegen Unrecht
wehren.

Der Löwe und die
Maus
Müde und entkräftet von Hitze schlief ein Löwe im Schatten
eines Baumes. Ein Haufen Mäuse, die da versammelt waren, liefen über ihn weg
und belustigte sich. Der Löwe erwachte und ertappte mit seiner
ausgestreckten Tatze eine Maus. Ohne Hoffnung zu entkommen, bat sie den
Löwen wegen ihrer Verwegenheit und Unhöflichkeit um Vergebung und stellte
ihm vor, dass sie seines Zorns nicht würdig wäre.
Der Löwe ward von dieser demütigen Vorstellung gerührt und
ließ die Gefangene los, weil er es zugleich unanständig fand, ein so
verächtliches Tier zu töten, das keiner Verteidigung fähig ist.
Bald darauf ereignete es sich, dass der Löwe, indem er die
Wälder durchstrich, in die Netze der Jäger fiel. Er fing an aus allen
Kräften zu brüllen, es war ihm aber nicht möglich, sich loszumachen. Die
Maus erkannte aus dem Brüllen des Löwen, dass er gefangen sei. Aus
Erkenntlichkeit, dass er ihr das Leben schenkte, lief sie hin, zernagte das
Netz, dass er sich retten konnte.
Man verachte keinen Menschen, auch der unbedeutendste kann
uns nützlich sein.

Der Pfau und
die Nachtigall
Einst beklagte sich der Pfau bei der Göttin
Juno, dass seine raue, unangenehme Stimme ihn bei den anderen Vögeln
verächtlich mache, da im Gegenteil die Nachtigall alle durch melodischen
Gesang entzücket.
„Du
hast Recht", sagte Juno, „allein
die Götter haben es so geordnet. Wenn die Nachtigall dich durch ihre Stimme
übertrifft, so übertriffst du sie durch die Schönheit deines Gefieders.
Stärke ist des Adlers Anteil. Die Krähe deutet auf Unglückfälle; jedes muss
mit seinem Los zufrieden sein und sich dem Willen der Götter unterwerfen."
Man begnüge sich mit seinen eigenen und
beneide nie die Vorzüge anderer.

Der Rabe und der
Fuchs "Der
Rabe und der Fuchs" als Fabel von La Fontaine
Ein Rabe hatte sich auf einen Baum gesetzt, um
einen Käse zu verzehren, den er im Schnabel hielt. Ein Fuchs erblickte ihn
und bekam Lust, im diesen Raub zu entführen. Um seinen Zweck zu erreichen,
fing er an, seine schönen Federn zu loben. Als er merkte, dass dieses Lob
gefiel, sagte er ferner: „Es
ist ewig schade, Dass dein Gesang nicht mit deinen übrigen Eigenschaften
überein stimmt."
Der Rabe wollte den Fuchs überzeugen, dass
sein Gesang nicht unangenehm sei, er fing an zu singen und ließ darüber den
Käse fallen.
Der Fuchs bemächtigte sich des Käses und fraß
ihn vor des Raben Augen, der beschämt war, dass er sich von den falschen
Lobsprüchen des Fuchses verführen ließ.
Lobsprüche aus dem Munde falscher Fremder
sind die gefährlichsten Fallstricke.

Der Sperber und
die Taube
Indem er eine Taube verfolgen wollte, fiel ein
Sperber aus Unvorsicht in das Garn (Netz), das ein Bauer aufgestellt hatte.
Wie er sich so gefangen sah, wandte er alle Beredsamkeit auf, um den Bauer
zu bewegen, dass er ihm die Freiheit wieder schenke.
Unter andern Beweggründen sagte er zu ihm,
dass er ihm nie etwa zu Leibe getan hätte. „Das
mag wohl sein", antwortete der Bauer, „aber
die Taube, die du jetzt so hitzig und mit der Absicht, sie zu zerfleischen,
verfolgt hast, hat dir auch nie etwas zu Leide getan."
Die Gerechtigkeit muss die Bösen bestrafen
und die Unschuld schützen.

Der
Vogelsteller und die Amsel
Um Vögel zu fangen, richtete ein Vogelfänger
sein Netz auf. Die Amsel, die ihm von Ferne zusah, fragte ihn, was er hier
mache. Ich baue eine Stadt, antwortete er ihr und entfernte sich. Die Amsel,
die seiner Aufrichtigkeit traute, war nun neugierig die Arbeit zu besehen,
kam aber dem Netze zu nahe und blieb hängen.
„Ach",
sagte sie zum Vogelsteller, der eiligst herbeilief, „wenn
du lauter solche Städte baust, so wirst du nicht viele Einwohner bekommen."
Nie glaube man einem Feinde, dass er für
unser Bestes arbeite.

Der vom Alter
entkräftete Löwe
Ein Löwe, der in seinen jungen Jahren die
Gewalt und Stärke missbrauchte, die ihm die Natur über andere Tiere gab,
hatte sich viele Feinde gemacht.
Als sie ihn vom Alter geschwächt sahen,
beschlossen sie einhellig, sich an ihm wegen seiner Grausamkeit zu rächen
und ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Eber verwundete ihn mit
seinen Waffen, der Ochs stieß ihn mit seinen Hörnern, aber am
empfindlichsten fiel es dem Löwen, dass ihm der Esel, der geringste und
verächtlichste von seinen Feinden, zu seiner Beschimpfung einige Schläge mit
dem Hufe versetzte.
Wer sich im Glück übermütig erhebt, findet
im Unglück nicht leicht einen Freund.

Das Wiesel und
der Fuchs
Von Hunger getrieben schlich sich ein Fuchs
durch eine sehr enge Öffnung in eine Scheune. Als er sich satt gefressen
hatte, wollte der durch eben dieselbe Öffnung wieder hinaus; allein der
angeschwollene Leib hinderte ihn daran.
Das Wiesel sah seine Verlegenheit und eilte
ihm einen guten Rat zu geben.
„Um
aus der Scheune zu kommen", sagte es zu ihm,
„musst
du so lange warten, bis du ausgehungert und so mager geworden bist, als du
hineingingst."
Reichtum und Überfluss sind oft
beschwerlicher als die Dürftigkeit und mancher lebt nur wieder glücklich,
wenn er in seinen vorigen Stand zurücktritt.

Der Wolf und der
Jäger
Ein Wolf ward von den Jägern heftig verfolgt
und da er schon ganz ermattet war, so verzweifelte er an seiner Rettung. Von
ungefähr begegnete er einem Holzhacker, der ihn auf vieles Bitten in seine
Hütte aufnahm und ihn in einem Winkel versteckte.
Bald darauf kamen die Jäger bei seiner Hütte
an und fragten, ob er den Wolf nicht gesehen habe. Er antwortete ihnen mit
'Nein', gab ihnen aber zugleich mit Finger und Augen ein Zeichen, dass er in
seiner Hütte verborgen sei. Sie suchten, fanden ihn aber zum Glück nicht und
zogen wieder weiter.
Der Wolf nachte sich nun aus dem Staube, ohne
dem Holzhacker für den Zufluchtsort zu danken. Der Holzhacker warf ihm
seinen Undank vor, der Wolf aber antwortete:
„Ich
würde nicht ohne Dank von dir scheiden, wenn deine Hand und deine Augen mit
deinen Worten übereingestimmt hätten."
Wer wahren Dank fordert, darf keine
zweideutigen Dienste geleistet haben.

Der Wolf und der
Kopf
Der Wolf ging in die Werkstätte eines
Bildhauers, wo er einen sehr schönen und zierlich geschnitzten Kopf fand. Er
drehte ihn von allen Seiten herum und betrachtete ihn lange Zeit, ohne dass
der Kopf sich rührte oder einen Laut von sich gab.
„O,
der schöne Kopf!", rief endlich der Wolf. „Ein
wahres Meisterstück, aber es ist ewig Schade, dass er kein Gehirn hat und
nicht das geringste Lebenszeichen von sich geben kann."
Man beurteile die Verdienste eines Menschen
nicht nach dem Äußeren. Was nützt eine schöne Gestalt, wenn sie sich nicht
mit Schönheiten des Geistes verbunden ist.

Der Wolf und der Kranich
Ein
Wolf, dem ein Bein in der Kehle steckte, versprach dem Kranich eine Belohnung,
wenn er ihm das Bein, das ihn so schmerzte, mit seinem Schnabel wieder
herausziehen wollte.
Der
Kranich leistete ihm diesen Dienst und forderte dann die Bezahlung, worüber sie
einig geworden waren. Allein der Wolf sagte mit spöttischem Hohngelächter und
Zähnefletschen zu ihm: „Sei
froh, dass du deinen Kopf gesund und unverletzt wieder aus dem Rachen eines
Wolfes zurück gebracht hast und nicht zu deinem Schaden erfuhrst, wie spitzig
seine Zähne sind."
Wer
bösen Menschen einen Dienst tut, darf von Glück reden, wenn er, statt belohnt zu
werden, mit heiler Haut davon kommt.

Die
Ameise und die Fliege
Eines
Tages geriet die Ameise mit der Fliege in Streit, die sich rühmte, dass sie wie
die Vögel fliege, in fürstlichen Palästen wohne und ohne alle Mühe immer eine
gute Tafel halte. Sie warf der Ameise ihre niedere Geburt vor, dass sie
beständig auf der Erde herumkrieche und durch Fleiß und Arbeit ihren
Lebensunterhalt suche. Sie sei genötigt, einige Körner zu zernagen und in Höhlen
zu wohnen.
Auf
diese Vorwürfe antwortete die Ameise, sie wäre mit ihrem Schicksale zufrieden
und eine sichere, eigene Wohnung gefiel ihr besser, als ein irrendes,
herumschweifendes Leben: Brunnenwasser und Getreidekörner schienen ihr von
auserlesenen Geschmack, weil sie Früchte ihrer Arbeit wären; da hingegen sich
die Fliegen einem Jeden beschwerlich und verächtlich mache.
Ein
arbeitsames Leben ist dem Müßiggange vorzuziehen.

Die
mit Pfauenfedern geschmückte Elster
Eine
eitle Elster schmückte sich mit Pfauenfedern, die sie hier und da
zusammengelesen hatte. Dieser geborgte Putz machte sie so stolz, dass sie die
anderen Elstern verachtete. Sie sonderte sich von ihnen ab und mengte sich
dreist unter einen Haufen Pfauen, die den Betrug erkannten und ihr die falschen
Federn abrupften.
Nach
dieser Misshandlung wollte die beschämte Elster wieder zu ihren Brüdern
zurückkehren, diese aber wiesen sie mit Gewalt zurück, zerbissen sie und rissen
ihr auch die ungeborgten Federn aus. Und da sah sie sich nicht nur von anderen
Vögeln, sondern selbst von ihrem eigenen Geschlechte verachtet.
Wer
sich mit fremden Federn schmückt, wird früher oder später der Welt zum Hohn.

Die
Ratte und der Frosch
Zur
Zeit, wo die Ratten und Frösche miteinander Krieg führten, nahm ein Frosch eine
Ratte gefangen und versprach ihr, sie gut zu halten. Er lud sie auf seinen
Rücken, um sie über einen Fluss zu bringen, über den er übersetzen musste, wenn
er wieder zum dem Hause der Seinigen gelangen wollte.
Aber
indem sich der Treulose mitten auf der Überfahrt befand, wandte er alle Kräfte
auf, die Ratte abzuschütteln und zu ersäufen; diese aber klammerte sich so fest
an ihn an, dass er sie auf keine Art loswerden konnte. Ein Raubvogel erblickte
sie in ihrem Kampf, stürzte auf sie herab und führte sie beide als seinen Raub
fort.
So
benutzen die Römer die Streitigkeiten unter den Griechen, um sie zu
verschlingen.
Oder:
Zwei, die unter den Augen des Feindes streiten, verlieren immer.

Die
Schlange und der Bauer
Ein
Bauer erzürnte einst über eine Schlange, die er unterhielt und verfolgte sie mit
aufgehobenem Stocke. Die Schlange entwischte nach einigen empfangenen Wunden.
Seit diesem Auftritte geriet der Bauer in eine große Armut und hielt die üble
Behandlung der Schlange für die Ursache seines Unglücks.
Er
suchte sie wieder auf und bat sie in sein Haus zu kommen. Die Schlange
entschuldigte sich und sagte, sie könne sich nicht dazu entschließen, weil sie
mit einem so unverträglichen Menschen nicht in Einigkeit leben könne.
„Meine
Wunden", setzte sie hinzu, sind zwar geheilt,
„ich
kann aber die Erinnerung an deine Grausamkeit nicht aus meinem Herzen bringen."
Mit
Unrecht erlittene Beleidigungen werden nicht leicht vergessen.

Die
Schlange und die Feile
Eine
Schlange, die sich in die Schmiede eines Schlossers einschließen ließ, wollte
sein ganzes Werkzeug zernagen. Anfangs griff sie den Amboss an, da sie aber von
demselben nichts abbekommen konnte, machte sie sich über die Feile her, in der
Meinung, dabei besser ihre Rechnung zu finden.
Die
Feile lachte ihrer eitlen Bemühungen und sagte:
„Dummes
Tier! Wie groß ist deine Torheit! Könntest du mich wohl mit deinen Zähnen
zernagen, mich, die ich das Eisen zernage und den Amboss in Staub verwandeln
kann, den du nicht einmal hast anzwacken können?"
Verleumder können einen ehrlichen Mann angreifen, aber sie werden nie über seine
Tugend siegen.

Die
Schwalbe und andere Vögel
Als die
Jahreszeit eintrat, wo man Lein (Flachs) zu säen pflegt, versuchte die Schwalbe
die anderen Vögel zu überreden, dass sie sich der Saat widersetzen, weil daraus
ein ihnen höchst schädliches Kraut entstehen würde. Die anderen Vögel spotteten
ihres Rates und nannten es eine unnötige Furcht und Sorge. Wie der Leim aus der
Erde hervorkam, riet sie ihnen, denselben auszureißen, auch diese Warnung
verachteten sie. Der Lein fing nun an zu reifen und die Schwalbe riet ihnen, die
Körner auszuhacken, allein sie gaben sich keine Mühle deswegen.
Als nun
die Schwalbe sah, dass alle Bemühungen vergebens waren, so sonderte sie sich von
den anderen Vögeln ab und suchte die Freundschaft und den Umgang mit Menschen.
Seit dieser Zeit baut sie in Häusern ungestört ihr Nest. Die übrigen Vögel aber,
die dem guten Rate der Schwalbe nicht folgten, wurden ein Opfer der Garne und
Netze, die man aus dem Lein verfertigt hatte und sie bedauerten zu spät, dass
sie den Rat der Schwalbe verschmähten.
Wer
einen guten Rat zu schnell verwirft, soll später nicht klagen.

Die Stadtmaus
und die Feldmaus
Eines Tage besuchte eine Stadtmaus eine ihrer
Freundinnen, eine Feldmaus, welche sie mit einem Mahl aus Wurzeln und Nüssen
bediente. Nach der Mahlzeit nahm die Stadtmaus von ihrer Wirtin Abschied, die
ihr in den nächsten Tagen einen Gegenbesuch versprach.
Sie kam und man bewirtete sie herrlich mit
Bäckerei und Käse; allein die Tafel ward oft durch die Diener des Hauses
gestört, die von allen Seiten hin- und herliefen und der Feldmaus tödliche
Ängste verursachten, so dass sie sich aus Furcht nicht zu essen getraute. Daher
sagte sie zur Stadtmaus, dass sie eine sparsame, in Ruhe genossene Mahlzeit und
ihre ländliche Armut allen Herrlichkeiten der Städte und einem Überflusse voll
Gefahren und Unruhen vorziehe.
Eine ruhige Armut ist dem unsicheren Überflusse
vorzuziehen.

Die Tauben und
ihr König, der Falke
Die Tauben glaubten sich außer Stande, den Überfällen und
Gewalttätigkeiten der Geier zu widerstehen, von denen sie bekriegt wurden.
Sie beschlossen daher, den Falken zu ihrem Könige zu wählen, um unter seinem
Schutze den Geiern die Spitze zu bieten.
Gar bald bereuten sie ihre Wahl, denn ihr neuer König
behandelte sie wie ein erklärter Feind. Er zerriss und fraß sie und sie
sahen kein Mittel zu ihrer Befreiung. Voll Verzweiflung und Betrübnis sagten
nun die Tauben, dass es ihnen leichter gewesen wäre, die Überfälle der Geier
zu ertragen als die Tyrannei des Falken.
Es ist eine große Torheit, sich einem mächtigen Feind in
die Arme zu werfen, um Schutz gegen einen kleineren Feind zu finden.

Die Wölfe und die
Schafe
Nach einem langen und blutigen Krieg machten die
Wölfe und Schafe einen Waffenstillstand und schlossen den Vergleich, einander
als Sicherheit Geiseln zu geben. Die Schafe überließen den Wölfen ihre Hunde und
die Wölfe übergaben ihre Jungen den Schafen.
Als nun die jungen Wölfe heranwuchsen, überfielen
sie die armen Schafe und zerrissen sie ohne Widerstand, weil sie nicht mehr ihre
Hunde als Beschützer hatten; die Wölfe aber zerrissen die Hunde, die nicht auf
der Hut waren und im Vertrauen auf den wechselseitigen Vertrag sich vollkommen
sicher glaubten.
Einem Feinde, der sich zum Scheine versöhnt,
ist nie zu trauen.

Zwei
Freunde und ein Bär
Zwei Freunde wollten sich gegenseitig beistehen und alles Gute und Schlechte
dieser Welt miteinander teilen. Auf der Wanderschaft kam ihnen auf einem engen
Waldwege ein Bär entgegen.
Zu
Zweit wären sie vielleicht stärker als der Bär gewesen, aber der eine, dem sein
Leben sehr lieb war, kletterte unvermittelt auf einen Baum und ließ den anderen
trotz des guten Vorsatzes allein. Der andere, der sich vom Freunde verlassen
glaubte, hatte kaum Zeit zu überlegen und warf sich platt auf den Boden, um sich
tot zu stellen.
Der Bär näherte sich dem am Boden Liegenden, beschnüffelte ihn und leckte seine
Ohren. Da der Bär ihn für tot hielt, trollte es sich bald seiner Wege.
Nachdem der Bär fort, die Gefahr damit beseitigt war, stieg der Ängstliche vom
Baum herab und fragte den Tapferen, was ihm der Bär zugeflüstert habe?
„Eine
ausgezeichnete Warnung", antwortete dieser,
„nur
leider wusste ich vorher nicht davon und hätte sie auch kaum geglaubt."
Vertraue nicht auf Menschen,
die Freunde in der Not allein lassen.

Zwei Frösche
Ein Sumpf trocknete während eines langen und heißen Sommers aus und so brachen
die Frösche dieses Sumpfes auf, um einen gastlicheren Ort zu finden, der ihr
Leben sichern sollte.
Auf ihrer Wanderschaft kamen zwei dieser Frösche zu einem tiefen Brunnen, der
noch Wasser führte.
„Ei!
Sieh da!", rief der eine.
„Wir haben ein
feuchtes Plätzchen gefunden, lass uns hineinhüpfen! Längst haben wir genug
gelitten."
„Halt!",
erwiderte der andere. „Wenn
auch dieser Brunnen versiegt, sind wir dann nicht rettungslos verloren?"
Was dir schnell hilft, kann sich gegen dich wenden.

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