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Gotthold Ephraim Lessing
Äsop und der Esel.
Der Esel sprach zu Äsop: „Wenn
du wieder ein Geschichtchen von mir ausbringst, so lass mich etwas recht
Vernünftiges und Sinnreiches sagen."
„Dich
etwas Sinnreiches!", sagte Äsop; „wie
würde sich das schicken? Würde man nicht sprechen, du seiest der Sittenlehrer,
und ich der Esel?"

Gotthold Ephraim Lessing
Der Adler.
Man fragte den Adler: „Warum erziehst du deine Jungen so hoch in der Luft?"
Der Adler antwortete: „Würden sie sich, erwachsen, so nahe zur Sonne wagen, wenn ich sie tief an der Erde erzöge?"

Gotthold Ephraim Lessing
Der Adler und die Eule.
Der Adler Jupiters und Pallas Eule stritten.
„Abscheulich
Nachtgespenst!"– „Bescheidner, darf ich bitten.
Der Himmel heget mich und dich;
Was bist du also mehr, als ich?"
Der Adler sprach: Wahr ist's, im Himmel sind wir beide;
Doch mit dem Unterscheide:
Ich kam durch eignen Flug,
Wohin dich deine Göttin trug.

Gotthold Ephraim Lessing
Der Adler und der Fuchs.
„Sei auf deinen Flug nicht so stolz!",
sagte der Fuchs zu dem Adler. „Du
steigst doch nur deswegen so hoch in die Luft, um dich desto weiter nach einem
Aas umsehen zu können."
„So kenne ich Männer, die tiefsinnige Weltweise geworden
sind, nicht aus Liebe zur Wahrheit, sondern aus Begierde zu einem einträglichen
Lehramte."

Gotthold Ephraim Lessing
Der Affe und der Fuchs.
„Nenne mir ein so geschicktes Tier, dem ich nicht nachahmen könnte!", so prahlte der Affe gegen den Fuchs. Der Fuchs aber erwiderte:
„Und du, nenne mir ein so
geringschätziges Tier, dem es einfallen könnte, dir nachzuahmen."
Schriftsteller meiner Nation! - - Muss ich mich noch deutlicher erklären?

Gotthold Ephraim Lessing
Der wilde Apfelbaum.
In den hohlen Stamm eines wilden Apfelbaumes ließ sich ein Schwarm Bienen
nieder. Sie füllten ihn mit den Schätzen ihres Honigs, und der Baum ward so
stolz darauf, dass er alle andere Bäume gegen sich verachtete.
Da rief ihm ein Rosenstock zu: „Elender Stolz auf geliehene Süßigkeiten! Ist
deine Frucht darum weniger herbe? In diese treibe den Honig herauf, wenn du es
vermagst; und dann erst wird der Mensch dich segnen!"

Gotthold Ephraim Lessing
Der Bär und der Elefant.
„Die
unverständigen Menschen!", sagte der Bär zu dem Elefanten. „Was fordern sie nicht alles von uns besseren Tieren! Ich muss nach der Musik tanzen, ich, der ernsthafte Bär! Und sie wissen es doch nur allzuwohl, dass sich solche
Possen zu meinem ehrwürdigen Wesen nicht schicken; denn warum lachten sie sonst,
wenn ich tanze?"
„Ich
tanze auch nach der Musik," versetzte der gelehrige Elefant, „und glaube ebenso ernsthaft und ehrwürdig zu sein wie du. Gleichwohl haben die Zuschauer nie über mich gelacht, freudige Bewunderung bloß war auf ihren
Gesichtern zu lesen. Glaube mir also, Bär, die Menschen lachen nicht darüber, dass du tanzt, sondern darüber, dass du dich so albern dazu anschickst."

Gotthold Ephraim Lessing
Der Besitzer des Bogens.
Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr weit und sicher schoss, und den er ungemein wert hielt. Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er:
„Ein wenig zu plump bist du doch! Alle deine Zierde ist die Glätte. Schade! Doch dem ist abzuhelfen!", fiel ihm ein.
„Ich will hingehen und den besten Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen." - Er ging hin; und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen; und was hätte sich besser auf einen Bogen geschickt als eine Jagd?
Der Mann war voller Freude. „Du verdienest diese Zierraten, mein lieber Bogen!" - Indem will er ihn versuchen; er spannt, und der Bogen - zerbricht.

Gotthold Ephraim Lessing
Der Dornstrauch.
„Aber sage, mir doch", fragte die Weide den Dornstrauch, „warum du nach den
Kleidern des vorbeigehenden Menschen so begierig bist? Was willst du damit? Was
können sie dir helfen?"
„Nichts!", sagte der Dornstrauch. „Ich will sie ihm auch nicht nehmen: ich will
sie ihm nur zerreißen."

Gotthold Ephraim Lessing
Die Eiche.
Der rasende Nordwind hatte seine Stärke in einer stürmischen Nacht an einer
erhabenen Eiche bewiesen. Nun lag sie gestreckt, und eine Menge niedriger
Sträucher lagen unter ihr zerschmettert. Ein Fuchs, der seine Grube nicht weit
davon hatte, sah sie des Morgens darauf. „Was
für ein Baum!", rief er. „Hätte
ich doch nimmermehr gedacht, dass er so groß gewesen wäre!"

Gotthold Ephraim Lessing
Die Eiche und das Schwein.
Ein gefräßiges Schwein mästete sich unter einer hohen Eiche mit der herab gefallenen Frucht. Indem es die eine Eichel zerbiss, verschluckte es bereits eine andere mit dem Auge.
„Undankbares Vieh!", rief endlich der Eichbaum herab. „Du nährst dich von meinen
Früchten ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in die Höhe zu richten."
Das Schwein hielt einen Augenblick inne und grunzte zur Antwort: „Meine
dankbaren Blicke sollten nicht außen bleiben, wenn ich nur wüsste, dass du deine
Eicheln meinetwegen hättest fallen lassen."

Gotthold Ephraim Lessing
Die Esel.
Die Esel beklagten sich bei Zeus, dass die Menschen mir ihnen zu grausam
umgingen. „Unser starker Rücken", sagten sie, „trägt ihre Lasten, unter welchen
sie und jedes schwächere Tier erliegen müssten. Und doch wollen sie uns, durch
unbarmherzige Schläge, zu einer Geschwindigkeit nötigen, die uns durch die Last
unmöglich gemacht würde, wenn sie uns auch die Natur nicht versagt hätte.
Verbiete ihnen, Zeus, so unbillig zu sein, wenn sich die Menschen anders etwas
böses verbieten lassen. Wir wollen ihnen dienen, weil es scheinet, dass du uns
dazu erschaffen hast; allein geschlagen wollen wir ohne Ursache nicht sein."
„Mein Geschöpf", antwortete Zeus ihrem Sprecher, „die Bitte ist nicht ungerecht:
aber ich sehe keine Möglichkeit, die Menschen zu überzeugen, dass eure
natürliche Langsamkeit keine Faulheit sei. Und so lange sie dieses glauben,
werdet ihr geschlagen werden. Doch ich sinne euer Schicksal zu erleichtern. —
Die Unempfindlichkeit soll von nun an euer Teil sein; eure Haut soll sich gegen
die Schlage erhärten, und den Arm des Treibers ermüden."
„Zeus", schrieen die Esel, „du bist allezeit weise und gnädig!" — Sie gingen
erfreut von seinem Throne, als dem Throne der allgemeinen Liebe.

Der Esel und das Jagdpferd.
Ein Esel vermaß sich, mit einem Jagdpferde um die Wette zu laufen. Die Probe
fiel erbärmlich aus, und der Esel ward ausgelacht. „Ich
merke nun wohl", sagte der Esel, „woran
es gelegen hat; ich trat mir vor einigen Monaten einen Dorn in den Fuß, und der
schmerzt mich noch."
„Entschuldigen
Sie mich", sagte der Kanzelredner Liederhold, „wenn
meine heutige Predigt so gründlich und erbaulich nicht gewesen, als man sie von
dem glücklichen Nachahmer eines Mosheims erwartet hätte; ich habe, wie Sie
hören, einen heiseren Hals, und den schon seit acht Tagen."

Der Esel mit dem Löwen.
Als der Esel mit dem Löwen des Äsops, der ihn statt seines Jägerhorns brauchte,
nach dem Walde ging, begegnete ihm ein andrer Esel von seiner Bekanntschaft, und
rief ihm zu: „Guten Tag, mein Bruder!", — „Unverschämter!", war die Antwort.
„Und warum das?", fuhr jener Esel fort. „Bist du deswegen, weil du mit einem
Löwen gehst, besser als ich? Mehr als ein Esel?"

Der Esel und der Wolf.
Ein Esel begegnete einem hungrigen Wolfe. „Habe Mitleid mit mir", sagte der zitternde Esel,
„ich bin ein armes krankes Tier; sieh nur, was für einen Dorn ich mir in den Fuß getreten habe!"
„Wahrhaftig, du dauerst mich", versetzte der Wolf. „Und ich finde mich in meinem Gewissen verbunden, dich von deinen Schmerzen zu befreien."
Kaum ward das Wort gesagt, so ward der Esel zerrissen.

Der Fuchs.
Ein verfolgter Fuchs rettete sich auf eine Mauer. Um auf der andern Seite gut herabzukommen, ergriff er einen nahen Dornstrauch. Er ließ sich auch glücklich daran nieder, nur dass ihn die Dornen schmerzlich verwundeten.
„Elende Helfer", rief der Fuchs, „die nicht helfen können, ohne zugleich zu schaden!"

Der hungrige Fuchs.
„Ich bin zu einer unglücklichen Stunde geboren!", so klagte ein junger Fuchs einem alten.
„Fast keiner von meinen Anschlägen will mir gelingen."
„Deine Anschläge", sagte der ältere Fuchs,
„werden ohne Zweifel doch klug sein. Lass doch hören, wann machst du deine Anschläge?"
„Wann ich sie mache? Wann anders, als wenn mich hungert?"
„Wenn dich hungert?", fuhr der alte Fuchs fort. „Ja! Da haben wir es! Hunger und Überlegung sind nie beisammen. Mache sie künftig, wenn du satt bist, und sie werden besser ausfallen."

Der Fuchs und die
Larve.
Vor alten Zeiten fand ein
Fuchs die hohle, einen weiten Mund aufreißende Larve eines Schauspielers. „Welch
ein Kopf!", sagte der betrachtende Fuchs. „Ohne
Gehirn, und mit einem offenen Munde! Sollte das nicht der Kopf eines Schwätzers
gewesen sein?"
Dieser Fuchs kannte euch, ihr
ewigen Redner, ihr Strafgerichte des unschuldigsten unserer Sinne!

Der Fuchs und der Storch.
„Erzähle mir doch etwas von den fremden Ländern, die du alle gesehen haft",
sagte der Fuchs zu dem weit gereisten Storche.
Hierauf fing der Storch an, ihm jede Lache, und jede feuchte Wiese zu nennen, wo
er die schmackhaftesten Würmer, und die fettesten Frösche geschmaust.
„Sie sind lange in Paris gewesen", mein Herr. „Wo speiset man da am besten? Was
für Weine haben Sie da am meisten nach ihrem Geschmacke gefunden?"

Die Gans.
Die
Federn einer Gans beschämten den neugebornen Schnee. Stolz auf dieses blendende
Geschenk der Natur, glaubte sie eher zu einem Schwane, als zu dem was sie war,
geboren zu sein. Sie sonderte sich von ihres gleichen ab, und schwamm einsam und
majestätisch auf dem Teiche herum. Bald dehnte sie ihren Hals, dessen
verräterischer Kürze sie mit aller Macht abhelfen wollte. Bald suchte sie ihm
die prächtige Biegung zu geben, in welcher der Schwan das würdigste Ansehen
eines Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; er war zu steif, und mit aller
ihrer Bemühung brachte sie es nicht weiter, als dass sie eine lächerliche Gans
ward, ohne ein Schwan zu werden.

Der Geist des
Salomo.
Ein ehrlicher Greis trug des Tages Last und Hitze, sein Feld mit eigner Hand
zu pflügen, und mit eigner Hand den reinen Samen in den lockern Schoß der
willigen Erde zu streuen.
Auf einmal stand unter dem breiten Schatten einer Linde, eine göttliche
Erscheinung vor ihm da! Der Greis stutzte.
„Ich
bin Salomo", sagte mit vertraulicher Stimme das Phantom. „Was
machst du hier, Alter?"
„Wenn
du Salomo bist", versetze der Alte, „wie
kannst du fragen? Du schicktest mich in meiner Jugend zu der Ameise; ich sah
ihren Wandel, und lernte von ihr fleißig sein, und sammeln. Was ich da
lernte, das tue, ich noch." —
„Du
hast deine Lektion nur halb gelernt: Versetzte der Geist. Geh noch einmal
hin zur Ameise, und lerne nun auch von ihr in dem Winter deiner Jahre ruhen,
und des Gesammelten gemessen."

Der Geizige.
„Ich
Unglücklicher!", klagte ein Geizhals seinem Nachbar. „Man
hat mir den Schatz, den ich in meinem Garten vergraben hatte, diese Nacht
entwendet und einen verdammten Stein an dessen Stelle gelegt."
„Du
würdest", antwortete ihm der Nachbar, „deinen
Schatz doch nicht genutzt haben. Bilde dir also ein, der Stein sei dein Schatz;
und du bist nichts ärmer."
„Wäre
ich schon nichts ärmer", erwiderte der Geizhals; „ist
ein andrer nicht um so viel reicher? Ein andrer um so viel reicher! Ich möchte
rasend werden."

Das Geschenk der Feen.
Zu der Wiege eines jungen Prinzen, der in der Folge
einer der größten Regenten feines Landes ward, traten zwei wohltätige Feen.
„Ich schenke diesem meinem
Lieblinge", sagte die eine, „den
scharfsichtigen Blick des Adlers, dem in seinem weiten Reiche auch die kleinste
Mücke nicht entgeht."
„Das
Geschenk ist schön", unterbrach sie die zweite Fee.
„Der
Prinz wird ein einsichtsvoller Monarch werden. Aber der Adler besitzt nicht
allein Scharfsichtigkeit, die kleinsten Mücken zu bemerken; er besitzt auch eine
edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen. Und diese nehme der Prinz von mir zum
Geschenk!"
„Ich
danke dir, Schwester, für diese weise Einschränkung", versetzte die erste Fee.
„Es
ist wahr; viele würden weit größere Könige gewesen sein, wenn sie sich weniger
mit ihrem durchdringenden Verstande bis zu den kleinsten Angelegenheiten hätten
erniedrigen wollen."
Die
Grille und die Nachtigall.
„Ich versichre dich",
sagte die Grille zu der Nachtigall, „dass es meinem Gesange gar nicht an
Bewundrern fehlt." — „Nenne mir sie doch", sprach die Nachtigall. „Die
arbeitsamen Schnitter*", versetzte die Grille, „hören mich mit vielem Vergnügen,
und dass dieses die nützlichsten Leute in der menschlichen Republik sind, das
wirst du doch nicht leugnen wollen?"
„Das will ich nicht leugnen",
sagte die Nachtigall; „aber deswegen darfst du auf ihren Beifall nicht stolz
sein. Ehrlichen Leuten, die alle ihre Gedanken bei der Arbeit haben, müssen ja
wohl die feinern Empfindungen fehlen. Bilde dir also ja nichts eher auf dein
Lied ein, als bis ihm der sorglose Schäfer, der selbst auf seiner Flöte sehr
lieblich spielt, mit stillem Entzücken lauschet."
*Schnitter - Erntehelfer bei der Getreideernte

Der Hamster und die
Ameise.
„Ihr armseligen Ameisen", sagte ein Hamster. „Verlohnt es sich der Mühe, dass ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein so Weniges einzusammeln? Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet! - -"
„Höre", antwortete eine Ameise,
„wenn er größer ist, als du ihn brauchst, so ist es schon recht, dass die Menschen dir nachgraben, deine Scheuern ausleeren und dich deinen räuberischen Geiz mit dem Leben büßen lassen!"

Die Hunde.
„Wie
ausgeartet ist hierzulande unser Geschlecht!", sagte ein gereister Pudel. „In
dem fernen Weltteile, welches die Menschen Indien nennen, da, da gibt es noch
rechte Hunde; Hunde, meine Brüder – – ihr werdet es mir nicht glauben, und doch
habe ich es mit meinen Augen gesehen – die auch einen Löwen nicht fürchten und
kühn mit ihm anbinden."
„Aber",
fragte den Pudel ein gesetzter Jagdhund, „überwinden
sie ihn denn auch, den Löwen?"
„Überwinden?",
war die Antwort. „Das
kann ich nun eben nicht sagen. Gleichwohl, bedenke nur, einen Löwen anzufallen!"
– –
„Oh",
fuhr der Jagdhund fort, „wenn sie ihn nicht überwinden, so sind deine gepriesene
Hunde in Indien – besser als wir, soviel wie nichts – aber ein gut Teil dümmer."

Der Hirsch.
Die Natur hatte einen Hirsch von mehr als
gewöhnlicher Größe gebildet und an dem Halse hingen ihm lange Haare herab. Da
dachte der Hirsch bei sich selbst: „Du könntest dich ja wohl für ein Elend
ansehen lassen. Und was tat der Eitle, ein Elend zu scheinen? Er hing den Kopf
traurig zur Erde und stellte sich, sehr oft das böse Westen zu haben."
So glaubt nicht selten ein witziger Geck, dass man
ihn für keinen schönen Geist halten werde, wenn er nicht, über Kopfweh und
Hypochonder* klage.
*eingebildete Krankheiten

Der junge und der alte Hirsch.
Ein Hirsch, den die gütige Natur Jahrhunderte hat leben lassen, sagte einst zu einem seiner Enkel:
„Ich kann mich der Zeit noch sehr wohl erinnern, da der Mensch das donnernde Feuerrohr noch nicht erfunden hatte."
„Welche glückliche Zeit muss das für unser Geschlecht gewesen sein!", seufzte der
Enkel.
„Du schließest zu geschwind!", sagte der alte Hirsch.
„Die Zeit war anders, aber nicht besser. Der Mensch hatte da, anstatt des Feuerrohrs, Pfeile und Bogen und wir waren ebenso schlimm daran als jetzt."

Der Hirsch und der Fuchs.
„Hirsch, wahrlich, das begreif ich nicht",
Hört ich den Fuchs zum Hirsche sagen,
„Wie dir der Mut so sehr gebricht?
Der kleinste Windhund kann dich jagen.
Besieh dich doch, wie groß du bist!
Und sollt es dir an Stärke fehlen?
Den größten Hund, so stark er ist,
Kann dein Geweih mit einem Stoß entseelen.
Uns Füchsen muss man wohl die Schwachheit übersehn;
Wir sind zu schwach zum Widerstehn.
Doch dass ein Hirsch nicht weichen muss,
Ist sonnenklar. Hör meinen Schluss.
Ist jemand stärker, als sein Feind,
Der braucht sich nicht vor ihm zurückzuziehen;
Du bist den Hunden nun weit überlegen, Freund:
Und folglich darfst du niemals fliehen."
„Gewiss, ich hab es nie so reiflich überlegt.
Von nun an", sprach der Hirsch, „sieht man mich unbewegt,
Wenn Hund' und Jäger auf mich fallen;
Nun widersteh ich allen."
Zum Unglück, dass Dianens Schar
So nah mit ihren Hunden war.
Sie bellen, und sobald der Wald
Von ihrem Bellen widerschallt,
Fliehn schnell der schwache Fuchs und starke Hirsch davon.
Natur tut allzeit mehr, als Demonstration.

Jupiter und das Schaf.
Ein Schafweibchen lebte in einer spärlich bewachsenen Gebirgsgegend. Es musste viel von anderen Tieren erleiden und war ständig auf der Flucht vor Feinden. Ein Adler kreiste oft über diesem Gebiet, und das Schafweibchen war gezwungen, immer wieder ihr kleines Schäfchen zu verstecken. Auch musste es
Acht geben, dass der
Wolf es nicht entdeckte, denn dieser strolchte auf dem dicht bebuschten Nachbarhügel herum. Außerdem war es wirklich ein Wunder, dass der Bär aus der waldigen Schlucht unter ihm es und sein Kind mit seinen riesigen Pranken noch nicht erwischt hatte.
An einem Sonntag beschloss das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und ihn um Hilfe zu bitten. Demütig trat es vor Jupiter und schilderte ihm sein Leid.
„Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, dass ich dich allzu schutzlos geschaffen habe", sprach der Gott freundlich,
„darum will ich dir auch helfen. Aber du musst selber wählen, was für eine Waffe ich dir zu deiner Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht, dass ich dein Gebiss mit scharfen Fang- und Reißzähnen ausrüste und deine Füße mit spitzen Krallen bewaffne?"
Das Schaf schauderte. „O nein, gütiger Vater, ich möchte mit den wilden,
mörderischen Raubtieren nichts gemein haben."
„Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?" Das Schaf wich bei dieser Vorstellung einen Schritt zurück.
„Bitte nicht, gnädiger Herrscher, die Giftnattern werden ja überall so sehr gehasst."
„Nun, was willst du dann haben?", fragte Jupiter geduldig. „Ich könnte Hörner auf
deine Stirn pflanzen, würde dir das gefallen?"
„Auch das bitte nicht", wehrte das Schaf schüchtern ab, „mit meinem Gehörn könnte ich so streitsüchtig oder gewalttätig werden wie ein Bock."
„Mein liebes Schaf", belehrte Jupiter sein sanftmütiges Geschöpf, „wenn du willst, dass andere dir keinen Schaden zufügen, so musst du gezwungener
Weise selber schaden können."
„Muss ich das?", seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte es:
„Gütiger Vater, lass mich doch lieber so sein, wie ich bin. Ich fürchte, dass ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung gebrauchen würde, sondern dass mit der Kraft und den Waffen zugleich auch die Lust zum Angriff erwacht."
Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in das Gebirge zurück. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr über sein Schicksal.

Das beschütze Lamm.
Hylax, aus dem Geschlechte der Wolfshunde, bewachte ein frommes Lamm. Ihn
erblickte Lykobes, der gleichfalls an Haar, Schnauze und Ohren einem Wolfe
ähnlicher war, als einem Hunde, und fuhr auf ihn los. „Wolf", schrie er, „was
machst du mit diesem Lamm?" —
„Wolf selbst!", versetzte Hylax. (Die Hunde verkannten sich beide.) „Geh! oder
du sollst es erfahren, dass ich sein Beschützer bin!"
Doch Lykobes will das Lamm dem Hylax mit Gewalt nehmen; Hylax will es mit Gewalt
behaupten, und das arme Lamm — Treffliche Beschützer! — wird darüber zerrissen.

Der Löwe mit dem Esel.
Als des Äsops Löwe mit dem Esel, der ihm durch seine fürchterliche Stimme die
Tiere sollte jagen helfen, nach dem Walde ging, rief ihm eine naseweise Krähe
von dem Baume zu: „Ein schöner Gesellschafter! Schämst du dich nicht, mit einem
Esel zu gehen?" — „Wen ich brauchen kann", versetzte der Löwe, „dem kann ich ja
wohl meine Seite gönnen."
So denken die Großen alle, wenn sie einen Niedrigen ihrer Gemeinschaft würdigen.

Der
Löwe und der Hase.
Ein Löwe würdigte einen drolligen Hasen seiner nähern Bekanntschaft. „Aber ist
es denn wahr", fragte ihn einst der Hase, „dass euch Löwen ein elender krähender
Hahn so leicht verjagen kann?"
„Allerdings ist es wahr", antwortete der Löwe; „und es ist eine allgemeine
Anmerkung, dass wir große Tiere durchgängig eine gewisse kleine Schwachheit an
uns haben. So wirst du, zum Exempel, von dem Elefanten gehört haben, dass ihm
das Grunzen eines Schweins Schauder und Entsetzen erwecket."
„Wahrhaftig?", unterbrach ihn der Hase. „Ja, nun begreife ich auch, warum wir
Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fürchten."

Der Löwe und die Mücke.
Ein junger Held vom muntern Heere,
Das nur der Sonnenschein belebt,
Und das mit saugendem Gewehre
Nach Ruhm gestochner Beulen strebt,
Doch die man noch zum großen Glücke
Durch zwei Paar Strümpfe hindern kann,
Der junge Held war eine Mücke.
Hört meines Helden Taten an!
Auf ihren Kreuz- und Ritterzügen
Fand sie, entfernt von ihrer Schar,
Im Schlummer einen Löwen liegen,
Der von der Jagd entkräftet war.
Seht, Schwestern, dort den Löwen schlafen,
Schrie sie die Schwestern gaukelnd an.
Jetzt will ich hin, und will ihn strafen.
Er soll mir bluten, der Tyrann!
Sie eilt, und mit verwegnem Sprunge
Setzt sie sich auf des Königs Schwanz.
Sie sticht, und flieht mit schnellem Schwunge,
Stolz auf den sauern Lorbeerkranz.
Der Löwe will sich nicht bewegen?
Wie? ist er tot? Das heiß ich Wut!
Zu mördrisch war der Mücke Degen:
Doch sagt, ob er nicht Wunder tut?
„Ich bin es, die den Wald befreiet,
Wo seine Mordsucht sonst getobt.
Seht, Schwestern, den der Tiger scheuet,
Der stirbt! Mein Stachel sei gelobt!"
Die Schwestern jauchzen, voll Vergnügen,
Um ihre laute Siegerin.
Wie? Löwen, Löwen zu besiegen!
Wie, Schwester, kam dir das in Sinn?
„Ja, Schwestern, wagen muss man! wagen!
Ich hätt es selber nicht gedacht.
Auf! lasset uns mehr Feinde schlagen.
Der Anfang ist zu schön gemacht."
Doch unter diesen Siegesliedern,
Da jede von Triumphen sprach,
Erwacht der matte Löwe wieder,
Und eilt erquickt dem Raube nach.

Der Löwe und der Tiger.
Der Löwe und der Hase, beide schlafen mit offenen Augen. Und so schlief jener, ermüdet von der gewaltigen Jagd, einst vor dem Eingange seiner fürchterlichen Höhle.
Da sprang ein Tiger vorbei, und lachte des leichten Schlummers. Der nichts fürchtende Löwe rief: „Schläft er nicht mit offenen Augen,
natürlich wie der Hase?"
„Wie der Hase?", brüllt der aufspringende Löwe, und war dem Spötter an der Gurgel. Der Tiger wälzte sich in seinem Blute, und der beruhigte Sieger legte sich wieder, zu schlafen.

Der Luchs und der
Tiger.
„Deine Geschwindigkeit und Stärke", sagte ein Fuchs zu dem Tiger, „möchte
ich mir wohl wünschen."
„Und sonst hätte ich nichts, was dir anstünde?", fragte der Tiger.
„Ich wüsste nichts! Auch mein schönes Fell nicht?", fuhr der Tiger fort. „Es
ist so vielfarbig als dein Gemüt, und das Äußere würde sich vortrefflich zu
dem Innern schicken."
„Eben darum", versetzte der Fuchs, „danke ich recht sehr dafür. Ich muss das
nicht scheinen, was ich bin. Aber wollten die Götter, dass ich meine Haare
mit Federn vertauschen könnte!"

Der Mann und der Hund.
Ein Mann ward von einem Hunde gebissen, geriet darüber in Zorn, und erschlug den
Hund. Die Wunde schien gefährlich, und der Arzt musste zu Rate gezogen werden.
„Hier weiß ich kein besseres Mittel", sagte der Empiricus*, „als dass man ein
Stücke Brot in die Wunde tauche, und es dem Hunde zu fressen gebe. Hilft diese
sympathetische** Kur nicht, so ..." — Hier zuckte der Arzt die Achsel.
„Unglücklicher Jachzorn***!", rief der Mann; „sie kann nicht helfen, denn ich
habe den Hund erschlagen."
*Empiricus - Arzt im 2. Jahrhundert n. Chr.
**sympathetisch - mitfühlend
***Jachzorn
- Jähzorn

Die Maus.
Eine
philosophische Maus pries die gütige Natur, dass sie die Mäuse zu einem so
vorzüglichen Gegenstande ihrer Erhaltung gemacht habe. „Denn
eine Hälfte von uns", sprach sie, „erhielt
von ihr Flügel, dass, wenn wir hier unten auch alle von den Katzen ausgerottet
würden, sie doch mit leichter Mühe aus den Fledermäusen unser ausgerottetes
Geschlecht wieder herstellen könnte."
Die gute Maus wusste nicht, dass es auch gestiefelte Katzen gibt. Und so
beruht unser Stolz meistens auf unsrer Unwissenheit!

Merops.
„Ich muss dich doch etwas
fragen"; sprach ein junger Adler zu einem tiefsinnigen grundgelehrten Uhu. „Man
sagt, es gäbe einen Vogel, mit Namen Merops, der, wenn er in die Luft steige,
mit dem Schwanze voraus, den Kopf gegen die Erde gekehret, fliege. Ist das
wahr?"
„Ei nicht doch!", antwortete der Uhu; „das ist eine
alberne Erdichtung des Menschen. Er mag selbst ein solcher Merops sein; weil er
nur gar zu gern den Himmel erstiegen möchte, ohne die Erde, auch nur einen
Augenblick, aus dem Gesichte zu verlieren."

Minerva.
Lass sie doch, Freund , lass sie, die kleinen
hämischen Neider deines wachsenden Ruhmes! Warum will dein Witz ihre der
Vergessenheit bestimmte Namen verewigen?
In dem unsinnigen Kriege, welchen die Riesen wider
die Götter führten, stellten die Riesen der Minerva einen schrecklichen Drachen
entgegen. Minerva aber ergriff den Drachen, und schleuderte ihn mit gewaltiger
Hand an das Firmament. Da glänzt er noch; und was so oft großer Taten Belohnung
war, ward des Drachen beneidenswürdige Strafe.

Die Nachtigall
und die Lerche.
Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit über alle Fassung des größten Teiles ihrer Leser nehmen? Was sonst, als was die
Nachtigall einst zu der Lerche sagte: „Schwingst du dich, Freundin, nur darum so hoch, um nicht gehört zu werden?"

Die Nachtigall und der Pfau.
Eine gesellige Nachtigall fand, unter den Sängern des Waldes, Neider die
Menge, aber keinen Freund. „Vielleicht
finde ich ihn unter einer andern Gattung", dachte sie, und floh vertraulich
zu dem Pfaue herab.
„Schöner
Pfau! Ich bewundere dich." „Ich dich auch, liebliche Nachtigall!" - - „So
lass uns Freunde sein", sprach die Nachtigall weiter; „wir
werden uns nicht beneiden dürfen: Du bist dem Auge so angenehm, als ich dem
Ohre."
Die Nachtigall und der Pfau wurden Freunde.

Der Pelikan.
Für
wohlgeratene Kinder können Eltern nicht zu viel tun. Aber wenn sich ein blöder
Vater für einen ausgearteten Sohn das Blut vom Herzen zapft; dann wird Liebe zur
Torheit.
Ein frommer Pelikan, da er seine Jungen schmachten sah, ritzte sich mit scharfem
Schnabel die Brust auf, und erquickte sie mit seinem Blute. „Ich bewundere deine
Zärtlichkeit", rief ihm ein Adler zu, „und bejammere deine Blindheit. Sieh doch,
wie manchen nichtswürdigen Kuckuck du unter deinen Jungen mit ausgebrütet hast!"
So war es auch wirklich; denn auch ihm hatte der kalte Kuckuck seine Euer
untergeschoben. — Waren es undankbare Kuckucke wert, dass ihr Leben so teuer
erkauft wurde?
Der
Phönix.
Nach vielen Jahrhunderten gefiel es dem Phönix,
sich wieder einmal sehen zu lassen. Er erschien, und alle Tiere und Vögel
versammelten sich um ihn. Sie gafften, sie staunten, sie bewunderten und brachen
in entzückendes Lob aus.
Bald aber verwandten die besten und geselligsten mitleidsvoll ihre Blicke, und
seufzten: „Der
unglückliche Phönix! Ihm ward das harte Los, weder Geliebte noch Freund zu
haben; denn er ist der einzige seiner Art!"

Der Pfau und der Hahn.
Einst sprach der Pfau zu der Henne: „Sieh
einmal, wie hochmütig und trotzig dein Hahn einher tritt. Und doch sagen die
Menschen nicht: der stolze Hahn; sondern nur immer: der stolze Pfau."
„Das
macht", sagte die Henne, „weil
der Mensch einen gegründeten Stolz übersieht. Der Hahn ist auf seine
Wachsamkeit, auf seine Mannheit stolz! aber worauf du? — Auf Farben und
Federn."

Die Pfauen und die Krähe.
Eine stolze Krähe schmückte sich mit den ausgefallenen Federn der farbigen Pfaue und mischte sich kühn, als sie genug geschmückt zu sein glaubte, unter diese glänzenden Vögel der Juno. Sie ward erkannt, und schnell fielen die Pfaue mit scharfen Schnäbeln auf sie, ihr den betrügerischen Putz auszureißen.
„Lasset nach!", schrie sie endlich, „ihr habt nun alle das Eurige wieder." Doch die Pfaue, welche einige von den eigenen glänzenden Schwingfedern der Krähe bemerkt hatten, versetzten: „Schweig, armselige Närrin, auch diese können nicht dein sein!" - und hackten weiter.

Der Rangstreit der Tiere.
1.
Es entstand ein hitziger Rangstreit unter den Tieren. Ihn zu schlichten, sprach das Pferd: „Lasset uns den Menschen zu Rate ziehen, er ist keiner von den streitenden Teilen und kann desto unparteiischer sein."
„Aber hat er auch den Verstand dazu?", ließ sich ein Maulwurf hören. „Er braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckten Vollkommenheiten zu erkennen."
„Das war sehr weislich erinnert!", sprach der Hamster.
„Jawohl!", rief auch der Igel. „Ich glaube es nimmermehr, dass der Mensch Scharfsichtigkeit genug besitzt."
„Schweigt ihr!", befahl das Pferd. „Wir wissen schon: Wer sich auf die Güte seiner Sache am wenigsten zu verlassen hat, ist immer am fertigsten, die Einsicht seines Richters in Zweifel zu ziehen."
2.
Der Mensch ward Richter. - „Noch ein Wort", rief ihm der majestätische Löwe zu,
„bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, willst du unsern Wert bestimmen?"
„Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel", antwortete der Mensch,
„in welchem ihr mir mehr oder weniger nützlich seid."
„Vortrefflich!", versetzte der beleidigte Löwe. „Wie weit würde ich alsdann unter den Esel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter nicht sein, Mensch! Verlass die Versammlung!"
3.
Der Mensch entfernte sich. - „Nun", sprach der höhnische Maulwurf - (und ihm stimmten der Hamster und der Igel wieder bei) -
„siehst du, Pferd? Der Löwe meint es auch, dass der Mensch unser Richter nicht sein kann. Der Löwe denkt wie wir."
„Aber aus besserm Gründen als ihr!", sagte der Löwe und warf ihnen einen verächtlichen Blick zu.
4.
Der Löwe fuhr weiter fort: „Der Rangstreit, wenn ich es recht überlege, ist ein nichtswürdiger Streit! Haltet mich für den Vornehmsten oder für den Geringsten; es gilt mir gleichviel. Genug, ich kenne mich!" - Und so ging er aus der Versammlung.
Ihm folgte der weise Elefant, der kühne Tiger, der ernsthafte Bär, der kluge Fuchs, das edle Pferd, kurz, alle, die ihren Wert fühlten oder zu fühlen glaubten.
Die sich am letzten wegbegaben und über die zerrissene Versammlung am meisten murrten, waren - der Affe und der Esel.

Der Rabe.
Der Fuchs sah, dass der
Rabe die Altäre der Götter
beraubte, und von ihren Opfern mit lebte. Da dachte er bei sich selbst: „Ich
möchte wohl wissen, ob der Rabe Anteil an den Opfern hat, weil er ein
prophetischer Vogel ist; oder ob man ihn für einen prophetischen Vogel hält,
weil er frech genug ist, die Opfer mit den Göttern zu teilen."

Der Rabe.
Der Rabe bemerkte, dass der Adler ganze dreißig Tage über seinen Eiern brütete.
„Und
daher kommt es ohne Zweifel", sprach er, „dass
die Jungen des Adlers so scharfsichtig und stark werden. Gut! Das will ich auch
tun."
Und seitdem brütet der Rabe ganze dreißig Tage über seinen Eiern; aber noch hat
er nichts als elende Raben ausgebrütet.

Der Rabe und der Fuchs.
Ein Nabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die
Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort.
Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbei
schlich, und ihm zurief: „Sei
mir gesegnet, Vogel des Jupiters!" — „Für
wen siehst du mich an?", fragte der Rabe— „Für
wen ich dich ansehe?", erwiderte der Fuchs. „Bist
du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechte des Zeus auf diese Eiche
herab kommt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn
nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich
zu schicken noch fortfährt?"
Der Rabe erstaunte, und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu werden.
„Ich
muss", dachte er, „den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen." — Großmütig dumm
ließ er ihm also seinen Raub herabfallen, und flog stolz davon.
Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf, und fraß es mit boshafter Freude. Doch
bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu
wirken, und er verreckte.
Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte Schmeichler!

Das Ross und der Stier.
Auf einem feurigen Rosse floh stolz ein dreuster* Knabe daher. Da rief ein
wilder Stier dem Rosse zu: „Schande!
Von einem Knaben ließ ich mich nicht regieren!"
„Aber
ich", versetzte das Ross. „Denn,
was für Ehre könnte es mir bringen, einen Knaben abzuwerfen?"
* dreust - dreist, frech

Das Schaf.
Als
Jupiter das Fest seiner Vermählung feierte, und alle Tiere ihm Geschenke
brachten, vermisste Juno das Schaf. „Wo
bleibt das Schaf?", fragte die Göttin. „Warum
versäumt das fromme Schaf, uns sein wohlmeinendes Geschenk zu bringen?"
Und der Hund nahm das Wort und sprach: „Zürne
nicht, Göttin! Ich habe das Schaf noch heute gesehen: Es war sehr betrübt, und
jammerte laut."
„Und
warum jammerte das Schaf?", fragte die schon gerührte Göttin.
„Ich
ärmste!", so sprach es. „Ich habe jetzt weder Wolle, noch Milch; was werde ich dem
Jupiter schenken? Soll ich, ich allein, leer vor ihm erscheinen? Lieber will ich
hingehen, und den Hirten bitten, dass er mich ihm opfere!"
Indem drang mit des Hirten Gebete, der Rauch des geopferten Schafes, dem Jupiter
ein süßer Geruch, durch die Wolken. Und jetzt hätte Juno die erste Träne
geweint, wenn Tränen ein unsterbliches Auge benetzten.

Das Schaf und die Schwalbe.
Eine Schwalbe flog auf ein Schaf, ihm ein wenig Wolle, für ihr Nest,
auszurupfen. Das Schaf sprang unwillig hin und wieder. „Wie
bist du denn nur gegen mich so karg?", sagte die Schwalbe. „Dem
Hirten erlaubst du, dass er dich deiner Wolle über und über entblößen darf; und
mir verweigerst du eine kleine Flocke. Woher kommt das?"
„Das
kommt daher", antwortete das Schaf, „weil
du mir meine Wolle nicht mit eben so guter Art zu nehmen weißt, als der Hirte."

Der Schäfer
und die Nachtigall.
Du zürnest, Liebling der Musen, über die laute Menge des parnassischen
Geschmeißes? — O höre von mir, was einst die Nachtigall hören musste.
„Singe
doch, liebe Nachtigall!", rief ein Schäfer der schweigenden Sängerin an
einem lieblichen Frühlingsabende zu.
„Ach!",
sagte die Nachtigall; „die
Frösche machen sich so laut, dass ich alle Lust zum Singen verliere. Hörest
du sie nicht?"
„Ich
höre sie freilich", versetzte der Schäfer. „Aber
nur dein Schweigen ist Schuld, dass ich sie höre."
Die Schwalbe.
Glaubet mir, Freunde; die große Welt ist nicht für den Weisen, ist nicht für den
Dichter! Man kennt da ihren wahren Wert nicht, und ach! sie sind oft schwach
genug, ihn mit einem nichtigen zu vertauschen.
In den ersten Zeiten war die Schwalbe ein ebenso tonreicher, melodischer Vogel,
als die Nachtigall. Sie ward es aber bald müde, in den einsamen Büschen zu
wohnen, und da von niemand, als dem fleißigen Landmanne und der unschuldigen
Schäferin gehöret und bewundert zu werden. Sie verließ ihre demütigere Freundin,
und zog in die Stadt. — Was geschah? Weil man in der Stadt nicht Zeit hatte, ihr
göttliches Lied zu hören, so verlernte sie es nach und nach, und lernte dafür —
bauen.

Die junge Schwalbe.
„Was macht ihr da?", fragte eine junge Schwalbe
die geschäftigen Ameisen.
„Wir sammeln Vorrat für den Winter", war die
Antwort.
„Das
ist klug", sagte die Schwalbe, „das will ich auch tun."
Und gleich fing sie an, eine Menge toter Spinnen und Fliegen in ihr Nest zu tragen.
„Aber wozu soll das?", fragte endlich ihre
Mutter.
„Wozu? Das ist Vorrat für den bösen Winter, liebe Mutter. Sammle doch auch! Die Ameisen haben mich diese Vorsicht gelehrt."
„Lass nur die Ameisen!", versetzte die Mutter.
„Uns Schwalben hat die Natur ein schöneres Los bereitet. Wenn der reiche Sommer sich wendet, dann ziehen wir fort von hier."

Die Sperlinge.
Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzählige Nester gab, ward ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanze dastand, kamen die Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Allein sie fanden sie alle vermauert. „Zu was", schrieen sie, „taugt denn nun das große Gebäude? Kommt, verlasst den unbrauchbaren Steinhaufen!"

Der
Sperling und der Strauß.
„Sei auf deine Größe, auf deine Stärke so stolz als du willst." sprach der
Sperling zu dem Strauße. „Ich bin doch mehr ein Vogel als du. Denn du kannst
nicht steigen; ich aber steige, obgleich nicht hoch, obgleich nur ruckweise."
Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen verliebten
Gesanges, ist mehr ein Genie, als der schwunglose Schreiber einer langen
Hermanniade*.
Hermanniade - spöttisch für eine zu lange Dichtung

Der Stier und der Hirsch.
Ein schwerfälliger Stier und ein flüchtiger Hirsch weideten auf einer Wiese
zusammen.
„Hirsch",
sagte der Stier, „wenn
uns der Löwe anfallen sollte, so lass uns für einen Mann stehen; wir wollen ihn
tapfer abweisen." — „Das
mute mir nicht zu", erwiderte der Hirsch; „denn
warum sollte ich mich mit dem Löwen in ein ungleiches Gefecht einlassen, da
ich ihm sichrer entlaufen kann?"

Der Strauß
Das pfeilschnelle Renntier sah den Strauß und sprach: „Das Laufen des Straußes
ist so außerordentlich eben nicht, aber ohne Zweifel fliegt er desto besser."
Ein andermal sah der Adler den Strauß und sprach: „Fliegen kann der Strauß nun
wohl nicht, aber ich glaube, er muss gut laufen können."

Der
Strauß.
„Jetzt will ich
fliegen!", rief der gigantische Strauß, und das ganze Volk der Vögel stand in
ernster Erwartung um ihn versammelt. „Jetzt
will ich fliegen!", rief er nochmals, breitete die gewaltigen Fittiche weit aus,
und schoss, gleich einem Schiffe mit aufgespannten Segeln, auf dem Boden dahin,
ohne ihn mir einem Tritte zu verlieren.
Sehet da ein poetisches Bild jener unpoetischen Köpfe, die
in den ersten Zeilen ihrer ungeheuren Oden, mit stolzen Schwingen prahlen, sich
über Wolken und Sterne zu erheben drohest, und dem Staube doch immer getreu
bleiben!

Der Tanzbär.
Ein Tanzbär war der Kett entrissen,
Kam wieder in den Wald zurück,
Und tanzte seiner Schar ein Meisterstück
Auf den gewohnten Hinterfüßen.
„Seht", schrie er, „das ist Kunst; das lernt man in der Welt.
Tut mir es nach, wenn's euch gefällt,
Und wenn ihr könnt!"„Geh", brummt ein alter Bär,
„Dergleichen Kunst, sie sei so schwer,
Sie sei so rar sie sei!
Zeigt deinen niedern Geist und deine Sklaverei."
Ein großer Hofmann sein,
Ein Mann, dem Schmeichelei und List
Statt Witz und Tugend ist;
Der durch Kabalen steigt, des Fürsten Gunst erstiehlt,
Mit Wort und Schwur als Komplimenten spielt,
Ein solcher Mann, ein großer Hofmann sein,
Schließt das Lob oder Tadel ein?

Die Traube.
Ich kenne einen Dichter, dem die schreiende Bewunderung seiner kleinen Nachahmer
weit mehr geschadet hat als die neidische Verachtung seiner Kunstrichter.
„Sie
ist ja doch sauer!", sagte der Fuchs von der Traube, nach der er lange genug
vergebens gesprungen war. Das hörte ein Sperling und sprach: „Sauer
sollte die Traube sein? Danach sieht sie mir doch nicht aus!" Er flog hin und
kostete und fand sie ungemein süß und rief hundert naschfreudige Brüder herbei.
„Kostet
doch!", schrie er, „kostet
doch! Diese treffliche Traube schalt der Fuchs sauer."
Sie kosteten alle, und in wenigen Augenblicken ward die Traube so zugerichtet,
dass nie ein Fuchs wieder danach sprang.

Die
Wasserschlange.
Zeus hatte nunmehr den Fröschen einen anderen König gegeben; anstatt eines
friedlichen Klotzes eine gefräßige Wasserschlange.
„Willst du unser König sein", schrieen die Frösche, „warum verschlingst du uns?"
- „Darum", antwortete die Schlange, „weil ihr um mich gebeten habt."
„Ich habe nicht um dich gebeten!", rief einer von den Fröschen, den sie schon mit
den Augen verschlang. - „Nicht?", sagte die Wasserschlange. „Desto schlimmer! So
muss ich dich verschlingen, weil du nicht um mich gebeten hast."

Die
Wohltaten.
In zwei Fabeln
(1)
„Hast
du wohl einen größeren Wohltäter unter den Tieren als uns?", fragte die Biene
den Menschen.
„Jawohl!",
erwiderte dieser.
„Und
wen?"
„Das
Schaf! Denn seine Wolle ist mir notwendig, und dein Honig ist mir nur angenehm."
(2)
„Und
willst du noch einen Grund wissen, warum ich das Schaf für meinen größeren
Wohltäter halte als dich Biene? Das Schaf schenkt mir seine Wolle ohne die
geringste Schwierigkeit, aber wenn du mir deinen Honig schenkst, muss ich mich
noch immer vor deinem Stachel fürchten."

Die
Geschichte des alten Wolfs.
In sieben Fabeln
(1)
Der böse Wolf war zu Jahren gekommen und fasste den gleißenden Entschluss, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er machte sich also auf und kam zu dem Schäfer, dessen Horden seiner Höhle die nächsten waren.
„Schäfer", sprach er, „du nennst mich den blutgierigen Räuber, der ich doch wirklich nicht bin. Freilich muss ich mich an deine Schafe halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schütze mich nur vor dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin."
„Wenn du satt bist? Das kann wohl sein", versetzte der Schäfer. „Aber wann bist
du denn satt? Du und der Geiz werden es nie! Geh deinen Weg!"
(2)
Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer. „Du weißt, Schäfer", war seine Anrede, „dass ich dir das Jahr durch manches Schaf würgen könnte. Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben, so bin ich zufrieden. Du kannst alsdann sicher schlafen und die Hunde ohne Bedenken abschaffen."
„Sechs Schafe?", sprach der Schäfer. „Das ist ja eine ganze Herde!" -
„Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen", sagte der Wolf.
„Du scherzt; fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfere ich kaum im ganzen Jahre dem Pan."
„Auch nicht viere?", fragte der Wolf weiter, und der Schäfer schüttelte spöttisch den Kopf.
„Drei? - Zwei?" -
„Nicht ein einziges", fiel endlich der Bescheid. „Denn es wäre ja wohl töricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich mich durch meine Wachsamkeit sichern kann."
(3)
„Aller guten Dinge sind drei", dachte der Wolf und kam zu einem dritten Schäfer.
„Es geht mir recht nahe", sprach er, „dass ich unter euch Schäfern als das beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jährlich ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher macht als ich, frei und unbeschädigt weiden dürfen. Ein Schaf? Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger, könnte ich uneigennütziger handeln? - Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?"
„O über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?", sprach der Schäfer.
„Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine liebsten Lämmer zu
würgen."
„Erzürne dich nicht, alter Isegrim! Es tut mir leid, dass du mit deinem Vorschlage einige Jahre zu spät kommst. Deine ausgerissenen Zähne verraten dich. Du spielst den Uneigennützigen, bloß, um dich desto gemächlicher mit desto weniger Gefahr nähren zu können."
(4)
Der Wolf ward ärgerlich, fasste sich aber doch und ging zu dem vierten Schäfer. Diesem war eben sein treuer Hund gestorben, und der Wolf machte sich den Umstand zunutze.
„Schäfer", sprach er, „ich habe mich mit meinen Brüdern im Walde veruneinigt und so, dass ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen aussöhnen werde. Du weißt, wie viel du von ihnen zu fürchten hast! Wenn du mich aber anstatt deines verstorbenen Hundes in Dienste nehmen willst, so stehe ich dir dafür, dass sie keines deiner Schafe auch nur scheel ansehen sollen."
„Du willst sie also", versetzte der Schäfer, „gegen deine Brüder im Walde beschützen?" -
„Was meine ich denn sonst? Freilich."
„Das wäre nicht übel! Aber wenn ich dich nun in meine Horde einnähme, sage mir doch, wer sollte alsdann meine armen Schafe gegen dich beschützen? Einen Dieb ins Haus nehmen, um vor den Dieben außer dem Hause sicher zu sein, das halten wir Menschen..." - -
„Ich höre schon", sagte der Wolf, „du fängst an zu moralisieren. Lebe wohl!"
(5)
„Wäre ich nicht so alt!" knirschte der Wolf. „Aber ich muss mich leider in die
Zeit schicken." Und so kam er zu dem fünften Schäfer.
„Kennst du mich, Schäfer?", fragte der Wolf.
„Deinesgleichen wenigstens kenne ich", versetzte der Schäfer.
„Meinesgleichen? Daran zweifle ich sehr. Ich bin ein so sonderbarer Wolf, dass
ich deiner und aller Schäfer Freundschaft wohl wert bin."
„Und wie sonderbar bist du denn?"
„Ich könnte kein lebendiges Schaf würgen und fressen, und wenn es mir das Leben
kosten sollte. Ich nähre mich bloß mit toten Schafen. Ist das nicht löblich?
Erlaube mir also immer, dass ich mich dann und wann bei deiner Herde einfinden
und nachfragen darf, ob dir nicht..."
„Spare der Worte!", sagte der Schäfer. „Du müsstest gar keine Schafe fressen,
auch nicht einmal tote, wenn ich dein Feind nicht sein sollte. Ein Tier, das mir
schon tote Schafe frisst, lernt leicht aus Hunger kranke Schafe für tot und
gesunde für krank anzusehen. Mache auf meine Freundschaft also keine Rechnung
und geh!"
(6)
„Ich muss nun schon mein Liebstes daran wenden, um zu meinem Zwecke zu gelangen!", dachte der Wolf und kam zu dem sechsten Schäfer.
„Schäfer, wie gefällt dir mein Pelz?", fragte der Wolf.
„Dein Pelz?", sagte der Schäfer. „Lass sehen! Er ist schön; die Hunde müssen dich nicht oft untergehabt haben."
„Nun, so höre, Schäfer: Ich bin alt und werde es so lange nicht mehr treiben. Füttere mich zu Tode, und ich vermache dir meinen Pelz."
„Ei, sieh doch!", sagte der Schäfer. „Kommst du auch hinter die Schliche der alten Geizhälse? Nein, nein; dein Pelz würde mich am Ende siebenmal mehr kosten, als er wert wäre. Ist es dir aber Ernst, mir ein Geschenk zu machen, so gib ihn mir gleich jetzt."
- Hiermit griff der Schäfer nach der Keule, und der Wolf floh.
(7)
„O die Unbarmherzigen!", schrie der Wolf und geriet in äußerste Wut.
„So will ich auch als ihr Feind sterben, ehe mich der Hunger tötet; denn sie wollen es nicht besser!" Er lief, brach in die Wohnungen der Schäfer ein, riss ihre Kinder nieder und ward nicht ohne große Mühe von den Schäfern erschlagen. Da sprach der weiseste von ihnen: „Wir taten doch wohl unrecht, dass wir den alten Räuber auf das Äußerste brachten und ihm alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch war, benahmen!"

Der
kriegerische Wolf.
„Mein Vater, glorreichen Andenkens", sagte ein junger Wolf zu einem Fuchse,
„das war ein rechter Held. Wie fürchterlich hat er sich nicht in der ganzen
Gegend gemacht! Er hat über mehr als zweihundert Feinde nach und nach
triumphiert und ihre schwarze Seelen in das Reich des Verderbens gesandt.
Was Wunder also, dass er endlich doch einem unterliegen musste!"
„So würde sich ein Leichenredner ausdrücken", sagte der Fuchs; „der trockene
Geschichtsschreiber aber würde hinzusetzen: Die zweihundert Feinde, über die
er, nach und nach, triumphieret, waren Schafe und Esel; und der eine Feind,
dem er unterlag, war der erste Stier, den er sich anzufallen erkühnte."

Der
Wolf und der Schäfer.
Ein Schäfer hatte durch eine grausame Seuche seine ganze Herde verloren. Das
erfuhr der Wolf, und kam seine Kondolenz* abzustatten.
„Schäfer",
sprach er, „ist
es wahr, dass dich ein so grausames Unglück betroffen? Du bist um deine ganze
Herde gekommen? Die liebe, fromme, fette Herde! Du kauerst mich, und ich möchte
blutige Tränen weinen."
„Habe
Dank, Meister Isegrim"; versetzte der Schäfer. „Ich
sehe, du hast ein sehr mitleidiges Herz."
„Das
hat er auch wirklich", fügte des Schäfers Hylax** hinzu, „so
oft er unter dem Unglücke seines Nächsten selbst leidet.„
*Kondolenz - hier: Beileidsbesuch
** Hylax - Hund

Der
Wolf und das Schaf
Der Durst trieb ein Schaf an den Fluss; eine gleiche Ursache führte auf der andern Seite einen Wolf herzu.
Durch die Trennung des Wassers gesichert und durch die Sicherheit höhnisch gemacht,
rief das Schaf dem Räuber hinüber: „Ich mache dir doch das Wasser nicht trübe, Herr Wolf?
Sieh mich recht an; habe ich dir nicht etwa vor sechs Wochen nachgeschimpft?
Wenigstens wird es mein Vater gewesen sein." Der Wolf verstand die Spötterei;
er betrachtete die Breite des Flusses und knirschte mit den Zähnen.
„Es ist dein Glück", antwortete er, „dass wir Wölfe gewohnt sind, mit euch Schafen Geduld zu haben";
und ging mit stolzen Schritten weiter.

Der Wolf auf dem Totenbette.
Der Wolf lag in den letzten Zügen und schickte einen prüfenden Blick auf sein
vergangenes Leben zurück.
„Ich
bin freilich ein Sünder", sagte er; „aber doch, hoffe ich, keiner von den
größten. Ich habe Böses getan; aber auch viel Gutes. Einstmals, erinnere ich
mich, kam mir ein blökendes Lamm, welches sich von der Herde verirret hatte, so
nahe, dass ich es gar leicht hätte würgen können; und ich tat ihm nichts. Zu
eben dieser Zeit hörte ich die Spöttereien und Schmähungen eines Schafs mit der
bewundernswürdigsten Gleichgültigkeit an, ob ich schon keine schützenden Hunde
zu fürchten hatte."
„Und das alles kann ich dir bezeugen"; fiel ihm Freund Fuchs, der ihn zum Tode
bereiten half, ins Wort. „Denn ich erinnere mich noch gar wohl aller Umstände
dabei. Es war zu eben der Zeit, als du dich an dem Beine so jämmerlich würgtest,
das dir der gutherzige Kranich hernach aus dem Schlunde zog."

Zeus und das Schaf.
Das
Schaf musste von allen Tieren vieles leiden. Da trat es vor den Zeus, und bat,
sein Elend zu mindern.
Zeus schien willig und sprach zu dem Schafe: „Ich
sehe wohl, mein frommes Geschöpf, ich habe dich allzu wehrlos erschaffen. Nun
wähle, wie ich diesem Fehler am besten abhelfen soll. Soll ich deinen Mund mit
schrecklichen Zähnen, und deine Füße mir Krallen rüsten?"
„O
nein", sagte das Schaf; „ich
will nichts mit den reißenden Tieren gemein haben."
„Oder",
fuhr Zeus fort, „soll
ich Gift in deinen Speichel legen?"
„Ach!",
versetzte das Schaf; „die
giftigen Schlangen werden ja so sehr gehasst." —
„Nun
was soll ich denn? Ich will Hörner auf deine Stirne pflanzen, und Stärke deinem
Nacken geben."
„Auch
nicht, gütiger Vater; ich könnte leicht stößig werden, als der Bock."
„Und
gleichwohl", sprach Zeus, „musst
du selbst schaden können, wenn sich andere, dir zu schaden, hüten sollen."
„Müsst
ich das!", seufzte das Schaf. „O
so lass mich, gütiger Vater, wie ich bin. Denn das Vermögen, schaden zu können,
erweckt, fürchte ich, die Lust, schaden zu wollen; und es ist besser, Unrecht
leiden, als Unrecht tun."
Zeus segnete das fromme Schaf, und es vergaß von Stund an, zu klagen.

Die
Ziegen.
Die Ziegen baten den Zeus, auch ihnen Hörner zu geben; denn anfangs hatten die Ziegen keine Hörner.
„Überlegt es wohl, was ihr bittet", sagte Zeus. „Es ist mit dem Geschenke der
Hörner ein anderes unzertrennlich verbunden, das euch so angenehm nicht sein möchte."
Doch die Ziegen beharrten auf ihrer Bitte, und Zeus sprach: „So habt denn Hörner!"
Und die Ziegen bekamen Hörner - und Bart! Denn anfangs hatten die Ziegen auch keinen Bart. O wie schmerzte sie der hässliche Bart, weit mehr, als sie die stolzen Hörner erfreuten!

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